La Processione dei Misteri a Trapani

 

Ostern auf Sizilien und die Mysterienprozession in Trapani

 

Viele haben wahrscheinlich schon mitbekommen, daß ich ein großer Fan von traditionellen Festen bin. Dabei ist es auch völlig egal, ob es einen kirchlichen oder einen geschichtlichen Hintergrund gibt, der im Übrigen ohenhin meist derselbe ist, zumindest in Italien. Die Ausstrahlung und die Emotionen, die von solchen Festen ausgehen, sind meist nur schwer in Worte zu fassen und sollte jeder für sich einmal erleben, wenn er sich darauf einlassen möchte.

Natürlich kann man auch „oberflächlich“ daran teilnehmen und sich einfach diese Traditionen ansehen, quasi als turistische Attraktion, aber ich nehme an, daß genau solche Besucher eher nicht zu den Lesern meines Blogs gehören. Deswegen schweife ich gerne auch etwas aus, damit man die Zusammenhänge besser verstehen und dann für sich entscheiden kann, ob man dorthin fährt und es auch miterleben will.

Traditionen werden in Italien hoch gehalten und ganz besonders Christliche, wobei ich jetzt nicht unbedingt nur die Gläubigen ansprechen möchte (wir essen ja auch alle Ostereier und sind keine Heiden). Christliche Feste in Italien sind viel mehr als eine zur-Schau-Stellung kirchlicher Reliquien, es ist auch immer eine Zusammenkunft von vielen, die einfach gemeinsam ein Erlebnis zelebrieren. Und je weiter man in den Süden kommt, desto intensiver werden solche Erlebnisse; das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich immer gerne „ganz weit unten“ unterwegs bin.

So möchte ich heute ein Osterfest vorstellen, das mir besonders am Herzen liegt und das jedem zu empfehlen ist, der die italienische Seele intensiv erleben möchte:

Die Mysterienprozession in Trapani

Sizilien ist immer ein Erlebnis und dieser Insel gehört auch meine emotioniale Aufmerksamkeit, egal zu welcher Jahreszeit; aber Ostern ist auf Sizilien etwas Außergewöhnliches. In nahezu jeder Stadt gibt es Prozessionen in der Karwoche, die scheinbar nicht enden wollen. Wenn man nicht so der Genießer ist oder vielleicht mehreres auf einmal erleben möchte, könnte man von Stadt zu Stadt fahren und an mehreren Prozessionen teilnehmen und man müßte nicht einmal schlafen gehen, denn einige dauern in der Nacht an.

Keine Frage: Ostern ist in Italien wichtiger als Weihnachten und ganz besonders auf Sizilien. Manche Prozessionen fangen bereits einige Tage vor dem Karwochenende an und könnten wirklich vorher noch besucht werden, obwohl ich von solchen, fast schon gestressten, Aktivitäten eher wenig halte; der Genuß bleibt einfach auf der Strecke. Der wahre Interessierte wird öfter Sizilien besuchen und jedes Mal ein anderes Fest ansehen, aktiv daran teilnehmen und dieses tiefe Empfinden mit nachhause nehmen.

Eine der größten Prozessionen findet alljährlich in Trapani statt, die am Karfreitag beginnt und die ganze Nacht fast 24 Stunden hindurch bis zum Karsamstag andauert. Sie ist aber auch eine der ältesten: Seit 400 Jahren werden die 20 Darstellung der Passion Christi durch die Altstadt getragen. Die Statuen sind dabei aufwendigst verziert und gekleidet und montiert auf einer sogenannten „Vara“, einer Art Holztisch mit langen Tragarmen vorne und hinten. Man muß sich das Gewicht vorstellen, wenn die Holzfiguren auf einer Holzkonstruktion stehen und dann noch der ganze Schmuck inklusive Kerzen dazukommt – den Rest erledigt dann die Zeit, in der diese Szene herumgetragen wird. Getragen wird es meist von mind 10 „Massari“ (Träger), die sich voller Stolz immer wieder dazu bereiterklären.

Das Entscheidende an dieser Prozession ist aber die gesamte Stimmung, die davon ausgeht. Während eine kluge Beleuchtung dieser Darstellungen selbst, das Leiden durch eine Licht-Schatten Wirkung besonders schmerzvoll darstellt, kommt auch noch die typische sizilianische Blechblasmusik dazu, die nach meiner Meinung unübertroffen schön zur christlichen Kultur paßt. Diese sakrale Musik ist für mich eine eigene Musikrichtung, die es unbedingt zu erhalten gilt und zu Sizilien gehört wie das Meer.

Im  „annaccata“, ein eigener Wiegeschritt, der sich an die Trauermusik anpaßt, werden dann die Figuren durch die Gassen getragen: Mehrere hundert Kilogramm vom Karfreitag, die ganze Nacht hindurch bis zum Karsamstag – von der Kirche Delle Anime Sante del Purgatorio, in der die Figuren aus dem 16 Jhd aufbewahrt werden und wieder ebendorthin. Eine unglaubliche Leistung der Träger, der Musik (Instrumente werden in dieser Zeit genauso schwer) und ALLER Beteiligten.

Diese Schmerzen, die damit verbunden sind, werden offensichtlich durch die gesamte Stimmung, die dabei vorherrscht und, ich möchte behaupten, dem rauschähnlichen Zustand, einfach ausgelöscht. Unglaublich, wie sich alle Beteiligten, Akteure und Zuseher, sich darauf einlassen. Es schließt sich somit der Gedankenkreis, den ich vorher mit der Behauptung  „man solle sich darauf einlassen“  geöffnet habe: Es wäre schade, wenn man sich diese Leidenschaft nur nebenbei ansieht, als EINE Attraktion unter mehreren.

Jeder Italienlienhaber wird mir Recht geben, daß man nirgendwo sonst einen tieferen Einblick in die Seelenstruktur Italiens bekommt, als bei solchen Prozessionen. Es gehört einfach alles dazu: Das langsame Einstimmen in der Karwoche und das emotionale Ausklingen am Karsamstag Abend.

Ein Erlebnis von dem jeder sehr lange zehren kann, wenn er ein annäherndes Verständnis mitbringt und diese wunderbare Insel geistig erfassen kann.

 

Buona Pasqua, Giovanni