Die Hexe Befana

Weihnachten in Italien

Dieser Artikel ist dem Adventkalender der lieben und gar nicht giftigen Blonden gewidmet und ich möchte ihn als wissenswerte Weinachtsgeschichte schreiben, vielleicht ist sie ja auch einmal als Gute Nacht-Geschichte für Kinder geeignet, um Weihnachten einmal anders zu erzählen.

Die Geschichte ist einzigartig und könnte nicht besser erfunden werden und deswegen versuche ich sie so gut wie möglich zu erzählen, denn die Befana war einmal wichtiger als das Christkind.

Einst bekamen nämlich die Kinder erst in der Nacht vom 5. auf den 6. Jänner die Geschenke und zwar von der alten Hexe Befana (der Name kommt von Epiphanie) – heute bekommen sie zweimal Geschenke: Einmal vom Christkind und einmal von der Befana, der freundlichen Hexe und das ist die Geschichte dazu:

Es war einmal eine alte Dame, die hatte ein nettes Häuschen, das sie immer hegte und fegte.

Tag ein, Tag aus kehrte sie mit ihrem Besen das Haus und fegte und fegte. Es war ein tägliches Ritual, das sie keinesfalls aufgeben wollte, zu wichtig war die Pflege ihres kleinen Häuschens.

Sie stand in der Früh auf und putzte und putzte, akribisch ging sie dieser Arbeit nach, jeder Tag begann gleich und sie ließ kein Eckerl ungefegt, kein Eckerl unbegutachtet.

Sie fegte und fegte bis sie Abends totmüde ins Bett fiel.

Jeder Tag begann gleich und endete mit einem gut gefegten Häuschen in einem kleinen Ort, der auf dem Weg nach Bethlehem lag und so kam es, daß

eines Tages drei Männer an ihre Tür klopften:

Die alte Dame, wiederrum mit der Pflege ihres kleinen Häuschen beschäftigt, richtete ihre Haare zurecht, band ihre Schürze neu, legte den Besen weg und öffnete die Tür und schaute vollkommen entnervt raus, denn sie mußte die Arbeit unterbrechen, die ihr alles bedeutete.

Vor der Tür standen Männer mit edlen Gewändern, Stoffen aus Gold-  und Silberfäden, die Mäntel waren von solcher Schönheit, daß man sofort erkannte, daß sie nicht aus der Gegend entstammten, sondern von weit her gereist waren. Sie mußten aus einem Land kommen, in dem es Gold, Silber und Edelsteine gab.

In der Hand hielten sie ihre wertvollen Geschenke, die für ein Kind bestimmt waren.

Die alte Dame allerdings ließ sich von diesem Schein nicht beeindrucken und fragte sich nur: Was ist so wichtig, daß mich jemand bei meiner Arbeit stört.

Die drei Edelmänner erzählten die frohe Botschaft, daß der Stern von Bethlehem sie zur Krippe führe, in der Jesus Christus geboren worden ist und sie müßten unbedingt dorthin gelangen, denn sie hätten Geschenke für dieses Kind mitgebracht.

Die alte Dame, die sich in ihrer Lieblingsbeschäftigung gestört fühlte, hörte sich die Geschichte an und schüttelte den Kopf und dachte sich dabei, wie man sich bloß mit solchen Dingen beschäftigen könne.

Die drei Männer fragten sie, ob sie denn mitkommen wolle, und sie verneinte, schloß die Tür und nahm ihre Arbeit wieder auf.

Doch nach einiger Zeit bereute sie es, daß sie nicht mitging um sich dieses Spektakel anzusehen. Sie beendete ihre Arbeit mit der gewohnten Gründlichkeit, packte ein paar Süßigkeiten als Geschenke ein und marschierte los.

Sie mußte ja nur diesem Stern folgen, um zu dieser Stelle zu kommen.

Aber es war schon viel zu spät und der Stern erloschen und so irrte sie herum und verteilte die Geschenke an alle Kinder, die sie traf, in der Hoffnung dem Jesuskind zu begegnen.

Und so kommt es, daß die Hexe Befana heute noch sucht und von Schornstein zu Schornstein fliegt um die Socken und Stiefel der Kinder mit Süßigkeiten und Geschenken zu füllen, denn sie könnte ja einmal das Christkind finden.

Die weniger braven Kinder allerdings bekommen keine Süßigkeiten, sondern Kohle!

Aber die „schlimmen“ Kinder wissen, daß diese Kohle (carbone dolce) genausogut ist, denn sie ist heute aus einer schwarze Zuckermasse, die zwar aussieht wie Kohle, aber herrlich schmeckt.

Aus der ursprünglichen Hexe, die alt und hässlich ist und sogar als Schimpfwort in der italienische Sprache einen Platz gefunden hat (una befana=hässliche Alte), entwickelte sich eine gute Hexe, die den Kindern immer die Geschenke bringt und heute noch immer die Grundlage für ein Fest für Kinder und Familie bildet.

Auch in der Politik fand die Befana ihren Platz: So wurde im Faschismus die Befana fascista erfunden, die Geschenke an arme Kinder verteilte und so den gutmütigen Charakter weiter unterstrich.

Ein schöner Brauch, der einen krönenden Abschluß der Weihnachtsfeiertage bildet und das Christkind lange Zeit in den Schatten stellte.

In diesem Sinne wünsche ich Euch

Buon natale, Giovanni

Lamborghini: Der Bulle wurde heuer 50

Wir wollen diese Gelegenheit nutzen und uns mit dem wichtigsten Testfahrer des Stiers befassen

Valentino Balboni è un pensionato?
Un Pensionato?-Balboni?!!-Nooooo!!!!!!

Valentino Balboni, war seit über 40 Jahren Cheftestfahrer bei Lamborghini, ist seit Anfang 2009 in Ruhestand gegangen und ihm zu Ehren wurde ein Auto kreiert, daß er selbst ohne sein Wissen zusammenstellte, aber dazu später.

Valentino Balboni: Was Enzo Ferrari bei Ferrari, Giuseppe Busso bei Alfa Romeo, ist Valentino Balboni bei Lamborghini: eine Legende! (obwohl er sich selbst niemals so sehen würde)
Aber wie wird man Testfahrer bei Lamborghini?
Wie entstand die Fa Lamborghini?
Ein kurzer Querschnitt

1963 wurde Automobili Ferruccio Lamborghini S.P.A. gegründet, nach einem „kleinen“ Disput zwischen Ferruccio Lamborghini und Enzo Ferrari.

Lamborghini nannte nämlich einen Ferrari als sein Eigen und bemängelte als eifriger Ingeneur bei seinem Freund Enzo Ferrari ein paar Dinge, die zu verbessern wären und Enzo Ferrari in seiner Art meinte bloß, daß er von einem Traktorenhersteller (der er auch war) keine Empfehlungen brauche.

Ferruccio Lamborghini erzählt diese Geschichte (Achtung Video stark übersteuert und viel zu laut!!)

Das erste Auto, daß Ferruccio Lamborghini herausbrachte, ein 350 GTV

Der später zu einem 350 GT wurde

1967 kam der Miura heraus und sollte am Beginn das wichtigste Modell für Lamborghini sein-Fans (und mir auch) läßte er noch immer das Herz höher schlagen

1968 wurde Valentino Balboni als Mechaniker Lehrling eingestellt

Seine Aufgabe war es unteranderem Wagen aus der Halle auf den Parkplatz davor herauszufahren.

Aber wie wird man dann Testfahrer?

Aus dem gleichen Grund, wie man heute entlassen werden würde.

Valentino nutzte immer die Möglichkeit einer kleinen Spritztour-die paar Meter aus der Halle auf den Parkplatz waren zu wenig und die Autos heiß und temperamentvoll.

Mehrmaliges urgieren beim Chef, daß Balboni die Autos ums Firmengelände fährt führte zu gar nichts-
bis allerdings Testfahrer gesucht wurden und Balboni sich bewarb und…

1973 natürlich genommen wurde-er machte es ohnehin immer und sein erstes Auto und noch heutiger Privatwagen war (ist) ein Miura.
Niemals vergißt er, wie das Erstemal der Firmenschranken aufging und er mit dem Miura auf die Straße durfte, aber dazu später.

Balboni, der mehrere Sprachen fließend spricht, ist Mechaniker und behauptet auch, daß ein guter Testfahrer auch ein guter Mechaniker sein muß.

Er, der die Bescheidenheit in Person ist,
durfte immer eines der teuersten und schnellsten Autos fahren

hatte einstmal die Lizenz zum Schnellfahren auf öffentlichen Straßen, denn Lamborghini sind für die Straße gebaut und Teststrecke hatte Lamborghini keine.

Valentino Balboni spricht über Oldtimer und seine Liebe zur alten Technik-im

Lamborghini Museum 1

Lamborghini Museum 2

1974 enstand der für den Umsatz wichtigste Wagen, der Countach, der seinen Namen einem Begeisterungssturm der Ingeneure entstand: Countach bedeutet im Dialekt des Piemont so etwas Ähnliches, wie „Wow“-heute würde man „GEIL“ sagen:

Ferruccio Lamborghini und Valentino Balboni im Countach
(Man beachte Valentino Balboni bei ca 250km/h auf der Landstraße und die Aussage, daß er sich wohl fühle)

Den Spieltrieb erhielt er sich bis ins Alter

Impressioni

Impressioni

Impressioni

Plötzlich zog er sich zurück, doch als Botschafter einer Marke wie Lamborghini zieht man sich nicht einfach so zurück und so kam es:

Die Entwicklungsabteilung fragte ihn immer so zwischendurch, was ihm wichtig sei und er antwortete:
Heckantrieb
sportlichere Abstimmung
eigene Lackierung
Handschaltung

und er wollte kein ESP, damit man etwas spürt

und Lamborghini baute IHM SEINEN Lamborghini, so wie er sich das vorstellt, allerdings mit ESP-
OHNE sein Wissen und das erstemal OHNE SEINER Probefahrt (denn dazu hatte er noch genug Gelegenheit),
den Lamborghini Gallardo Edition Valentino Balboni, limitiert auf 250 Stück

Und seine Mutter fragt ihn noch heute: „Fährst Du wieder diese Wagen?“ Balboni: „Si, Si“ „Dann paß bloß auf“

…und je älter er wird desto mehr löst sich Balboni von seiner Mama

Balboni in Pension?-Balboni?-NIEMALS!!!!!!!!!

I Migliori Auguri, Valentino Balboni
Grazie tanto

Ich wünsche ihm viel Spaß mit seinem Firmenwagen, denn eine Legende geht nicht in Pension!

Abschließend möchte ich noch ein Interview (30min) mit Valentino Balboni anhängen

Cari Saluti, Giovanni

un caffè sospeso!

Gedenktag des Caffè Sospeso: 10. Dezember

Am Tag der Menschrechte, am 10. Dezember jeden Jahres, gibt es noch einen anderen Gedenktag, der sich passender Weise auch auf das soziale Miteinander konzentriert: der Tag des Caffè Sospeso.

Wenn jemand in einer traditionellen Bar zwei oder mehr Kaffee auf einmal bestellt, aber nur einen genießt, so sollte es niemanden wundern, denn die übrigen Espressi wurden für Menschen mitbezahlt, die sich keinen Espresso leisten können.

Eine Institution, die ursprünglich in Neapel entstand, erfreut sich in letzter Zeit wieder einer größeren Beliebheit.

Lange schien diese alte Tradition schon in Vergessenheit geraten zu sein, wurde aber in letzter Zeit nicht nur in Italien wieder beliebter, sondern wird auch schon in ausgewählten Lokalen anderer europäischer Länder, wie zum Beispiel in der Schweiz, Spanien und auch in Österreich, praktiziert.

Wenn jemand einen guten Tag oder ein erfolgreiches Geschäft abgeschlossen hatte, bestellte er aus Dankbarkeit einen caffè sospeso, daß heißt er bekam einen Espresso für sich und bezahlte einen weiteren für jemanden, der sich keinen leisten konnte. Dieser wird extra vermerkt und wenn dann jemand, der wirtschaftlich schlechter gestellt war, danach fragte: c’è un caffè sospeso? (gibt es einen „schwebenden“ Kaffee), dann bekam er diesen – gratis!

Eine nette , soziale Einrichtung, die eigentlich nur aus Neapel stammen kann. Die Bevölkerung in dieser nach außen hin prächtigen Stadt war in der Geschichte immer wieder gezwungen sich gegenseitig zu helfen und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß sich ein soziales Gefüge entwickelte, das man sich oft anderorts wünschen würde und wer auf sich hält, bestellt auch nicht nur einen sospeso, sondern es können auch durchaus 10 sospesi sein. Gerade zu Weihnachten werden diese Traditionen hoch gehalten – zur Freude der Schlechtergestellten und davon gibt es in Zeiten der Krise mehr als genug.

So fällt es in Italien auch nicht weiter auf, wenn in prächtigen Kaffeehäusern oder in Bars um die Ecke, Menschen bei der Tür hereinkommen, die man sich so nicht weiter erwarten würde, stattdessen freut man sich für sie, wenn sie ein Stück Wärme und weihnachtliche Stimmung in die Herzen bringen können.

Das Wesentliche ist, niemand soll vom sozialen Miteinander ausgeschlossen sein und man achtet darauf, daß wirklich jeder daran teilnehmen kann.

Es ist eine Tradition, die ich sehr schätze und jedesmal, wenn ich nach Italien fahre, wahrnehme, aus Dankbarkeit in Italien zu sein, aus Dankbarkeit ein Teil dieser Wertschätzung des Mitmenschen zu sein.

Ein sozialer Beitrag, der besonderen Art, der aus Italien kommt, zu Italien gehört und einfach nicht sterben darf. Er gehört gepflegt und gehegt, denn es ist mehr als nur ein Kaffee auf Kosten des Anderen, es ist ein Ausdruck einer Lebenseinstellung, die eine ganze Nation auszeichnet und weiter in die Welt hinausgetragen werden muß.

Vielleicht sollte man diesen Gedanken aufgreifen und dem eigenen Genuß, einen weiteren Genuß für jemanden anderen, der es sich nicht leisten kann, hinzufügen. Schöner kann man Weihnachten nicht feiern…

Buon Natale, Giovanni

Fieracavalli 2013

Eine außergewöhnliche Messe für Pferdeliebhaber

Liebhaber des Reitsports oder einfach nur Pferdeliebhaber hatten vorige Woche wieder einen guten Grund ein paar Tage Urlaub zu nehmen: die Fieracavalli 2013 fand wieder in Verona statt und für sehr viele Fans waren vom 7.-10. November die Messehallen ihr zuhause.

Was für Pferdeliebhaber bekannt sein dürfte und gerne besucht wird, möchte ich auch anderen Interessierten nahe legen, denn die Fieracavalli ist nicht nur eine Messe, sondern vielmehr ein großes Treffen, das Spaß macht und Pferde zum „anfassen“ bietet.

Was ursprünglich im Jahre 1898 als einfache Pferdemesse begann, hat nach 115 Jahren eine gewaltige Dimension angenommen. Die Leidenschaft für Pferde ist an jeder Ecke zu spüren und läßt einen vergessen auf einer Messe zu sein, stattdessen kommt  das Gefühl auf, man befinde sich im Reitstall eines Freundes und man feiere eben ein wenig mit anderen Freunden. Das kulinarische Angebot zeugt dann vom guten Geschmack des Gastgebers.

Hunderttausende Besucher zieht dieses Fest der Pferde jedes Jahr an und bewundern ca 2500 Pferde und können sich bei mehr als 600 Ausstellern über Neuigkeiten informieren. Langeweile ist also sicher nicht das Problem dieser Tage, stattdessen verfliegt die Zeit.

Bei all dem Interesse, daß jeder mitbringt, sollte man aber dem Genuß den Vortritt lassen, denn erst mit der nötigen Ruhe kann man diese wunderbare Welt so erleben wie es angemessen ist.

In den Hallen werden nach Themen geordnet, Pferderassen, Pflege und Kleidung gezeigt und dabei bleibt keine Frage unbeantwortet und kein Wunsch unerfüllt.

Die Fieracavalli ist aber vor Allem durch ihre Veranstaltungen interessant: So findet der Worldcup im Springreiten statt und unterstreicht den sportlichen Character der Messe.

Am Abend gibt es den eleganten Teil mit der Gala d‘ Oro Opera, die unter der bewährten Regie von Antonio Giarola jedesmal für Begeisterung und Gänsehaut sorgt. Licht, Musik und Choreografie bildet eine großartige Oper, in der Phantasie und Wirklichkeit verschwimmt und eine großartige Traumwelt vor den Augen des Besuchers erscheinen läßt. Gala d‘ Oro Opera stand heuer ganz im Zeichen des 200. Geburtstag von Giuseppe Verdi und Richard Wagner und ein weiteres Jubiläum wurde gleich mitgefeiert: Das 100 jährige Jubiläum der Arena di Verona, die seit 1913 wieder regelmäßig für Opern zur Verfügung steht und durch ihre ausgezeichente Akkustik jeden Musikliebhaber den Puls höher schlagen läßt. Bezeichnenderweise wurde diese Arena, die etwa im Jahre 30 nChr errichtet wurde, 1913 mit Aida von Giuseppe Verdi wiedereröffnet. Geschichtsträchtiger Hintergrund, der mit dieser Gala sehr gut dargestellt wurde.

Für die Anhänger des Westernreitens bieten die Westernshows eine geeignete Möglichkeit ihren Interessen nachzugehen und sind auch für die ganze Familie ein Spaß.  Darbietungen der Country-Western Tanzschulen und der Saloon mit der Countrymusik läßt das nötige Flair aufkommen.

Das Kinderdorf (villagio del bambino) sorgt dann endgültig für die Unterhaltung der Kleinen und wurde heuer um einige Attraktionen erweitert.

Eine ganz besondere Messe, die zum Eintrittspreis von €23.- sehr viel zu bieten hat. Die Galavorstellungen und die Turniere kosten zwar extra, sorgen aber dafür auch für eine Extragänsehaut.

Cari Saluti, Giovanni

Die Barcolana – Regatta oder gesellschaftliches Ereignis

Das größte Ereignis für Segelfreunde in der Adria

Nachdem uns jetzt bald der Winter im Griff hat und ich mit Freunden in letzter Zeit über das eine oder andere Erlebnis gesprochen habe, möchte ich eines aus dem Herbst herausnehmen, um das sommerliche Gefühl kurz wieder aufkommen zu lassen.

Immer am 2. Sonntag im Oktober findet ein Event für Segelfreunde statt, das eigentlich nicht versäumt werden sollte. Jeder Skipper, jeder Freund der Winde und der Wellen oder auch nur maritim Interessierte kann ich dieses Zusammentreffen Gleichgesinnter empfehlen: Die Barcolana

Eine Woche vor dem großen Sonntag steht ganz Triest im Zeichen der Coppa d’Autunno (Herbstpokals). Segelbegeisterung überall wohin man sehen kann. Dabei hat man das Gefühl, daß alle plötzlich segeln oder zumindest so tun als ob. Falls man mit der eigenen Yacht kommt, sollte man schon rechtzeitig anlegen, denn sonst werden Liegeplätze rar, nein sie existieren einfach nicht.

Der ganze Golf von Triest wird zu einem Inselmeer, bestehend aus hunderten Yachten, deren Mannschaften vor lauter Begeisterung tagelang nicht schlafen können und nur ein Thema haben: Segeln.

Fragen wie man auf gewisse Situationen am Besten reagieren könnte und wie die Manöver besser gestaltet werden können, sind nicht nur an der Tagesordnung, sondern bestimmen auch die Nachtordnung.

Man hat das Gefühl, als bestünde das Meer aus schwimmenden Lokalen, die als Dekoration einen Mast mit der gesamten Takelage aufgestellt haben. Es ist ein Fest zu Land und zu Wasser.

Und diese Begeisterung kann man natürlich nirgendwo besser ausleben als in Italien und erst recht in Triest. Schon am Ortsanfang steht: Trieste, città della Barcolana. Viele haben sich bis jetzt vielleicht gefragt, was denn das bedeuten solle und kommen jetzt in den Genuß, das größte Segelevent zu erleben, das die Adria zu bieten hat und schon längst identitätsbestimmend für diese wunderbare Stadt ist.

Die Route lauft wie jedes Jahr zwischen Barcola und dem Schloß Miramar. Keine besonders lange Fahrtstrecke, die für Zuseher sehr gut gewählt ist, denn sie ist entlang des Küstenstreifens sehr gut einsehbar und stimmungsgeladen, allerdings für die Skipper ein echtes Problem.

Denn an dieser Regatta nehmen Profis und Amateure gleichermaßen teil und dann ist schnell Schluß mit der Freiheit am Meer. Wenn so wie in den letzten Jahren ca 2000 Schiffe teilnehmen und plötzlich an der Wendemarke die Richtung wechseln (wollen), dann sieht man leider auch oft unverblümt, wer in den letzten Tagen nur vom Segeln redete oder es auch kann.

„Ich bin kein Freund einer Regatta“ sagte ich damals „mir tun die Schiffe immer leid“, daraufhin, wie bestellt, kam sofort das Kontra mit schallendem Gelächter: „Das ist ja keine Regatta, das ist ja nur eine Spazierfahrt!“ Aber leider nicht minder gefährlich: Wenn Anfänger plötzlich 36 Fuß wenden wollen und ein anderer in voller Fahrt daherkommt, sind Konflikte vorprogrammiert und die Yacht sollte einem nicht schade sein – mit kleinen Remplern sollte man locker umgehen können, große muß man geschickt selbst verhindern.

Jeder ist sich selbst der Nächste und man kann nicht erwarten, daß die gegnerische Yacht über einen Skipper verfügt, der die nötigen Seemeilen an Erfahrung hat, daß er der Regatta gewachsen ist. Es ist wie im Straßenverkehr: Rechne mit den Fehlern des Anderen.

Nichtsdestotrotz kann ich jedem Segler dieses Erlebnis ans Herz legen: Die Erfahrenen werden sie schon gesegelt sein und für die Anderen, die gerne einmal an einer Regatta teilnehmen wollen, ist es eine gute Möglichkeit etwas zu schnuppern und Teil einer Begeisterung zu sein, die einem nicht mehr losläßt.

Allerdings muß ich gleichzeitig betonen, daß man am Ufer wahrscheinlich noch viel mehr Spaß hat. Menschenschlangen, lautstarkes gestikulieren, mitfiebern mit Freunden, dazwischen einen gepflegten Espresso – Lebensqualität, die keine Wünsche offen läßt.

Ob man die Barcolana selbst erfährt oder nur ein Teil des Festes am Land ist, ist in diesem Fall jedem selbst überlassen und vollkommen gleichwertig. Den großen Vorteil den aber Segler genießen, sind die nächtelangen Feste auf der Yacht, die durch die Wettkampfstimmung schon einige Tage vorher viel Diskussionsstoff bieten.

An Land locken viele Hotels mit speziellen Angeboten in dieser Woche, die ein Übernachten interessant machen. Viele Feste, Konzerte, Ausstellungen und vor Allem die Segelmesse, die über Neuigkeiten des Segelsports informieren, bieten ein ausgezeichnetes Rahmenprogramm. Eigens aufgestellte Pavillons lassen auch den erwarteten kulinarschen Hochgenuß nicht vermissen.

Ein echtes Highlight, vor Allem für Oldtimerliebhaber, ist die Barcolana Classic: Historische Schiffe, oftmals von beträchtlichem Wert, messen sich in einer Regatta, die den Zuseher schnell in eine andere Zeit versetzen. Klassisches Segeln, wie es unsere Vorfahren noch perfekt beherrschten, läßt auch meinen Puls immerwieder höher schlagen.

Wie auch immer man an diesem Treffen der Yachten teilnehmen möchte, man sollte sich Zeit nehmen. Ich kann jedem nur empfehlen rechtzeitig zu buchen und die gesamte Woche vor der Barcolana zu genießen – es gehört einfach dazu.

Cari Saluti, Giovanni

Festmahl mit dem Brot der Armen: Kastanienfest in Arcidosso

Die Kastanienzeit ist angebrochen – Nur zu essen sind sie fast zu schade.

Cari Saluti, Giovanni 🙂

Maremma Geheimtipp

„Die Kastanie ist reich an Kohlenhydraten, Proteinen, Vitaminen und Mineralsalzen. Sie ist besonders für Sportler und Schwerstarbeiter geeignet, wirkt antiseptisch und hilft gegen Blutarmut und Depressionen.“ So preist die Gemeinde von Arcidosso auf ihrer Website ihr wichtigstes Erzeugnis an. Hinzuzufügen wäre noch, dass man mit ihr von der Vorspeise bis zum Nachtisch ein komplettes Menü zaubern kann.

Frisch vom Vulkankrater
Während die Kastanie als Nahrungsmittel in Deutschland kaum eine Statistenrolle spielt, ist sie auf dem Monte Amiata (mit 1738 Metern der höchste Berg der Südtoskana) oft Hauptdarsteller auf dem Speiseplan – und nebenbei ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Die Kastanien des Monte Amiata sind nicht umsonst mit dem Gütesiegel IGP (Indicazione Geografica Protetta) geschützt. Schon seit dem 14. Jahrhundert ist die landwirtschaftliche Nutzung der Amiata-Kastanie nachgewiesen – das Klima auf dem Vulkankrater scheint schon immer perfekt geeignet gewesen zu sein für deren Anbau. Kein Wunder, dass die Kastanie (vor allem in Form…

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Ferragosto! Ferragosto?!

Eine wichtige Institution gerät in die Krise

Ferragosto – Ein Begriff, den Viele lange Zeit gar nicht verstanden haben, was er bedeutet.

Es fiel nur auf, daß im August am Strand sehr viel los war und vor Allem sehr viele Italiener zeigten, wie man es sich am Strand mit seiner Familie gemütlich macht und am Besten sich lautstark und mit viel musica italiana unterhielt.

Es war ein Fest, ein Treffen, eine ungezwungene Spielerei – heute würde man dazu sagen: Es war DAS Event: Ferragosto.

Das ganze Jahr über freute man sich, daß um den 15. August der Urlaub war und nicht selten wurde es ganz besonders zelebriert. Verwandtschaft aus dem Süden kam und traf sich in der Mitte des Stiefels mit seinen Liebsten aus dem Norden; oder Freunde, die sich aus vergangenen Jahren kannten, machten sich Treffpunkte aus, um gemeinsam den Urlaub zu verbringen.

Ferragosto, die Ferien im August, war ein Pflilchttermin und zwar für Alle.

Eine Institution, die sich fest etablierte und schon auf das restliche Europa überzugreifen begann; Eine feste Gegebenheit, die vielerlei Vorteile, aber natürlich auch ihre Nachteile hat.

Während sich Gesamtitalien organisierte und den Urlaub um den heißesten Tag des Jahres plante, konnte in Fabriken alles vorbereitet werden, um Maschinen in den leerstehenden Hallen zu servieren.

Ferragosto wurde gerne genutzt, um Dinge zu erledigen, die sonst das Personal blockieren würde.

Außerdem war ein großer Vorteil, daß Urlaube nicht abgesprochen werden mußten, um eventuell Produktionsabläufe aufrechtzuerhalten. Auch schwach besetzte Büros in den Sommermonaten waren unbekannt.

Es wurde einfach die heißeste Zeit im Jahr dafür genutzt, um Urlaub zu machen. Büros, Ämter, Fabriken, … wurden komplett geschlossen und die durch die Hitze und Fehlen des Personals bedingte schwache Produktivität wurde somit umgangen. Ferragosto, eine Erfindung, die auf Kaiser Augustus 29 v Chr zurückgeht, der seinen Sieg über Marcus Antonius und Kleopatra über 3 Tage feierte; und wenn man Ferragosto früher miterleben durfte, schien es, als ob sie seit damals nie aufgehört hätten zu feiern.

Die Ferien im August verbrachte man am Meer, Nächte wurden zum Tag, Tage blieben Tage – es wurde einfach durchgefeiert mit allem was dazugehört: Feste, Feuerwerk, Musik

Urlaub in Italien, wie er nicht schöner sein könnte.

Die Kehrseite war natürlich, daß Geschäfte, Tankstellen, Werkstätten, Ämter etc geschlossen waren und quasi nur ein Notbetrieb aufrecht war und den wollte niemand gerne in Anspruch nehmen. Man kann sich vorstellen, daß die Wenigsten genau in dieser Zeit gerne arbeiteten.

Doch was ist jetzt los?

Seit Jahren bemerke ich schon, daß immer mehr Geschäfte nicht mehr schließen, um den „geschichtlich angeordneten“ Urlaub anzutreten – die neue Devise lautet: Aperto ad Agosto

Urlaub ist nicht drinnen, stattdessen wird bewußt geöffnet um Kunden zu bedienen. Telefonate und mails mit Freunden enden oft mit: Leider muß ich im August arbeiten.

Italien, das Land der Freude und der Ausgelassenheit, hat momentan andere Sorgen, als einen Uralub zu organisieren.

Die Krise zwingt die Menschen in den Städten zu bleiben.

Nanni Moretti beschreibt in seinem Film „Caro Diario“ (Liebes Tagebuch) im 1. Teil „auf der Vespa“, wie menschenleer Rom im August ist, wenn er mit seiner Vespa fahrend auf Entdeckungstour geht. Er ärgert sich, daß Kinos geschlossen sind und ganze Stadtviertel einfach ausgestorben sind.

Ein Stück Kulturgeschichte verschwindet zunehmend.

Städte sind nicht mehr menschenleer, stattdessen erfreuen sich öffentliche Schwimmbäder neuer Beliebtheit, weil sich nur mehr die Wenigsten überhaupt die Fahrt zum Meer leisten können oder überhaupt über die Feiertage öffen haben um die Touristen zu bedienen. Aber wer sind die Touristen, wer kann sich den teuersten Urlaub um den 15. August noch leisten? Während Italiener früher oft den gesamten August den Strand bewohnten, so sind es heute Menschen aus dem asiatischen Raum, die mit dem Begriff des „dolce far niente“ (dem süßen Nichtstun) nicht viel anfangen können, sondern in möglichst kurzer Zeit möglichst viel erledigen wollen.

Viel mehr sehe ich Listen in den Bars, wann welche Schiffe anlegen und wieder ablegen, oder welche Reisegruppen angemeldet sind. Eine Tourismusmaschine, die ich so nicht bevorzuge und ich deshalb sehr schnell das Weite ins Hinterland suche. Gestreßte Bedienung ohne Gespräche, und nicht, so wie ich es gewohnt war, einen gemütlichen Espresso genießend ein Gespräch oder Diskussion mit den Einheimischen.

Weder Italiener noch andere Europäer verbringen ihre Zeit am Strand und fröhnen dem Badespaß, der uns doch soviel bedeutet hat.

Eine langandauernde Traditon scheint zunehmend zu verschwinden für eine höhere Produktivität auf Kosten der Menschlichkeit.  Italiens Unternehmer warnen bereits vor sozialen Revolten, wenn es keine Zukunftsaussichten gibt.

Die Herkunft der Touristen zeigt aber, daß die Probleme nicht auf Italien beschränkt sind, sondern eben ein Gesamteuropäisches ist.

Viele Unternehmer kämpfen in Italien ums Überleben und niemand hat richtig Freude daran, sich einen Urlaub am Meer zu gönnen, abgesehen von den mangelnden finanziellen Möglichkeiten Vieler.

Die Regierung Letta versucht vom Sparkurs abzuweichen und möchte Investitionen locker machen, um Arbeitsplätze zu schaffen, doch bis das Geld in der Volkswirtschaft im Umlauf ist, wird es noch einige Gezeiten benötigen.

Bis dahin werden alle froh sein, daß diejenigen den Strand besichtigen und die Kaffees fotografieren, die noch Geld haben; Europäer sind es jedenfalls großteils nicht und Nanni Moretti hätte heute die größte Freude, wenn er mit seiner Vespa durch Rom fahrt und wenigstens Menschen sehen könnte – denn seine Kinos haben schon längst für immer geschlossen.

Ferragosto wird hoffentlich nicht vollkommen in die Phantasie verschwinden, so wie es Cammariere am Anfang singt.

Cari Saluti, Giovanni