Kaffee


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Eine philosphische Betrachtung des täglichen Schluck Orient

Der tägliche Schluck Kaffee ist für die meisten Menschen von uns nicht mehr aus ihrem Dasein wegzudenken. Niemand denkt weiter darüber nach, was Kaffee eigentlich ist, was alles dahinter steht und welche Mühen es bedeutet einen guten Kaffee zu erzielen; er wird als selbstverständlich angesehen – so selbstverständlich wie sauberes Wasser.

Aber ist sauberes Wasser selbstverständlich?

Kaffee ist heute ein fixer Bestandteil des Tagesablaufes und wird zu vielen Gelegenheiten bestellt, serviert oder zubereitet. Viele Arten der Zubereitung haben sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt und nahezu alle Zubereitungsarten werden noch im europäischen Raum praktiziert, sodaß sich jeder aus dieser Vielzahl seine Methode entwickeln kann.

Während für viele der Filterkaffee (zumindest für den Haushalt) noch immer die beste Form des Kaffees ist, so setzte sich in den letzten Jahren der Espresso immer mehr auch im Haushalt durch. Aber auch die urspünglichen Formen der Zubereitung, die die aus den Herkunftsländern des Kaffees stammen, erfreuen sich wieder großer Beliebtheit: Der Mocca.

Während der Espresso unter den Kaffeeliebhabern als die Krönung des Kaffees gilt, ob der Schwierigkeiten ein optimales Ergebnis zu erzielen, so ist eigentlich die Zubereitung eines Moccas die wahre Krönung des Kaffees; durch einen bis zu 16 stündigen Zubereitungsaktes stellt er die philosphische Art des Kaffeekonsums dar.

Beim Espresso durchlebt man seine persönlichen Entwicklungsschritte; freut man sich am Anfang über den ersten gelungenen Espresso, mit einer Crema, die bestehen bleibt und einem Geschmack, der dem Kaffee entspricht und nicht zu sauer oder verbrannt ist, erreicht man nach einigen Jahren eine gewisse Selbstverständlichkeit den perfekten Espresso zuzubereiten. Jeder, der einmal ein Gefühl entwickelt hat, wie seine Espressomaschine (wir reden hier von einer Siebträgermaschine älteren Baujahres, ohne Cremasieb, vielleicht als Handhebelmaschine) funktioniert und wie er sie bedienen soll, wird den perfekten Espresso reproduzierbar erreichen, egal in welcher Lebenslage: In der Früh schlaftrunken oder gestreßt nebenher im Büro – er wird gelingen und zwar in 25sec.

Abgesehen von anfänglichen Schwierigkeiten und erlernen von Formeln und Parametern, stellt der Espresso die schnellste Form der Zubereitung dar und ist somit meiner Meinung nach eigentlich nicht so gut geeignet, den philosophischen Character des Kaffees hervorzuheben. (Ich brauche nicht zu betonen, daß der Espresso für mich nachwievor immer einer der besten Möglichkeiten, den Kaffee zu extrahieren, darstellt; aber wir wollen uns hier einmal über die wenig selbstverständliche Seite dieses „Kirschkernes“ Gedanken machen, der übrigens süß schmeckt und auch Koffein enthält.)

Jeder sollte einmal bewußt einen Kaffee trinken (können), um sich damit zu beschäftigen, welche Mühen dahinterstehen und welche Opfer erbracht werden mußten, um einen guten Kaffee zu erzielen.

Schon zu Beginn der Verbreitung war es ein sinnliches Erlebnis einen Schluck Kaffee zu genießen. Zu jedem gesellschaftlichen Ereignis gehörte Kaffee – Politik, Wirtschaft, Kirche, Gesellschaft trafen ihre Entscheidungen oftmals von staatstragendem Gewicht bei einer Tasse dieses wundervollen Getränks.

Höchste Zeit sich einmal diesem Genuß von einer anderen Seite zu nähern. Von einer Seite, die die Wenigsten noch betrachtet haben und ich muß gestehen, daß ich in jüngeren Jahren auch meine Gedanken mehr in das optimale Ergebnis meines Espresso gelenkt habe. Jedoch begleitet mich diese Substanz schon mehrere Jahrzehnte meines Lebens, schon bedingt durch die italienische Verwandtschaft, war Kaffee wahrscheinlich das Wichtigste im Haushalt und der Hauptbestandteil vieler Generationen.

Die Entdeckung des Kaffees ist, wie wahrscheinlich bei allen Lebensmitteln zuvor, durch Zufall passiert.

Der Legende nach fraßen Ziegen von einem Strauch mit roten Kirschen in der Region um Kaffa (Äthiopien)  und hüpften danach voller Energie auf der Weide umher. Seitdem gilt Kaffa als das Entdeckungsgebiet des Kaffees.

Mönche erfuhren von diesen belebenden Kirschen und kochten sich einen Sud und konnten nun bis in die Nacht beten und diskutieren.

Von diesen Anfängen kam der Kaffee in die arabische Welt, wo er dann im 15 Jhd die Verbreitung erhielt. Schnell entwickelte sich der Jemen als das Zentrum des Kaffeeanbaus und noch heute hört man, wenn man im Kaffeehaus lange auf den Kaffee warten muß: „Der Kaffee muß wohl noch aus dem Jemen gebracht werden!“

Die Sufis (ein mystischer Orden des Islam) haben den Kahve weiter im Orient verbreitet, denn sie benutzten dieses Getränk, um länger meditieren zu können und ihre Diskussionen bis in die Morgenstunden auszudehnen.

Weiters entwickelten sich Zentren, in denen diskutiert wurde, einfach ein Treffpunkt für die Männerwelt, in dem man eben Kaffee serviert bekam. Diese Zentren entstanden nicht um den Kaffee zu verkaufen oder, wie man heute sagen würde, um eine Vertriebsschiene aufzubauen, sondern der Kaffee mit seiner anregenden Wirkung paßte am Besten zu dieser Ortlichkeit.

Aus diesem Umstand entstand nun der Name: Kaffeehaus

Doch in diesen Kaffeehäusern wurde der Kaffee auf die klassische Art zubereitet: Frisch geröstet in einer Pfanne auf glühender Holzkohle und aufgekocht in heißem Sand. Glühende Kohle, die entstehende Tabakkultur und hitzige Gemüter bewirkten einige Brände im damaligen Istanbul und somit wurden Kaffeehäuser verboten und mit hohen Strafen belegt, wer einen solchen Unruhepool weiter betrieb.

Doch die Koffeinsucht hat längst unkontrollierbare Züge angenommen, sodaß das Verbot nur den Schmuggel belebte und nicht die erhoffte Wirkung hatte, daß das Volk von dem Kaffee lasse.

Es ging sogar soweit, daß, obwohl der Kaffee eine rein männliche Domäne war, sich eine weibliche Szene entwickelte, die dem Kaffeegenuß fröhnte.

Zu dieser Zeit kam der Kaffee auch nach Europa und hatte, wegen seiner Wirkung, die gleiche Erfolgsgeschichte wie zuvor. Waren Kaffeehäuser anfangs Spielhöhlen und Bortelle, so entwickelten sich in der Aufklärung die Kaffeehäuser zu wichtigen, intellektuellen Zentren, die oftmals für die Politik zu einer Bedrohung wurde.

Das Kaffeehaus war wichtiger Nachrichtenübermittler – was in unserer heutigen Kultur die sozialen Netzwerke im Internet darstellen, waren früher diese intellektuellen Hochburgen der Gesellschaft.

In Venedig am Markusplatz steht eines der ältesten Kaffeehäuser Europas: das Cafe Florian aus dem Jahre 1720. Hier wurde die Politik für Venedig entschieden, Geschäfte abgewickelt und es war der gesellschaftliche Treffpunkt.

Wunderschöne Wandmalereien aus dieser Zeit sind heute noch ein wichtiger Bestandteil dieses Cafes.

Ein Kaffeehaus, das von jedem Liebhaber der klassischen Architektur unbedingt besucht werden sollte und für Kulturinteressierte ein Muß, dieses Stück Geschichte einzuatmen.

Man sollte auch heute den Kaffee viel philosophischer sehen und die mystische Energie aufnehmen, als ihn schlecht zubereitet massenweise in sich hineinzuschütten. Allgemein ist aber festzustellen, daß sich viele wieder der urspünglichen Form des Gedankengutes des Kaffees erinnern und alte Zubereitungsarten werden wieder gepflegt.

So wird auch heute noch die ursprüngliche Form des Mocca (wie zu Sultans Zeiten) wieder gerne praktiziert: Rohkaffee frisch rösten, um ihn dann in einem Mörser zu zerstampfen, damit er nicht zu fein wird und er sich beim Kochvorgang absetzen kann. Dann wird er in einer großen Kanne für 4 Stunden gekocht, der Sud blieb zurück, der Kaffee wurde umgefüllt in eine kleinere Kanne usw.

Insgesamt wird der Mocca 4×4 Stunden gekocht bis er genossen werden kann. Einen ehrenwerteren Umgang mit der Kaffeebohne ist wohl kaum vorstellbar.

Am Ende wichtig ist nur eine gute Qualität des Rohkaffees, verbunden mit einer frischen Röstung und einer frischen Mahlung. Wenn die Zubereitung nun mit der Liebe und Sorgfalt der Entdecker erfolgt, ist ein guter Kaffee garantiert.

Der Kaffee ist mehr als nur ein Pausenfüller oder ein schnelles Getränk:

Er ist die Kultur und das Können einer Reihe von Parametern

Cari Saluti, Giovanni

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12 Gedanken zu “Kaffee

  1. Café Florian ist ein Muss, auch wenn der Kaffee draußen auf dem Platz schon vor dreißig Jahren 4000 Lire gekostet hat und heute wohl auch nicht billiger geworden ist. Aber man kann ihn ja auch stehend am Tresen – al banco – nehmen, dann wird’s auch im Florian deutlich günstiger.

    • Ich muß gestehen und gleichzeitig betonen, man sollte Geld mitnehmen, wenn man sich dort einen Kaffee gönnt; jedoch hat man hier wirklich eine der letzten Möglichkeiten dieses Stück Geschichte zu erleben.
      Ein noch älteres Kaffeehaus existiert, meines Wissens nach nur mehr in Paris.

      Cari Saluti, Giovanni

    • Vielen Dank für den Balsam für die Seele. 😀
      Ich bemühe mich einen blog zu schreiben, der für Leser interessant ist und Informationen enthält, die nicht unbedingt selbstverständlich sind.
      Deswegen sollte man sich für meine Artikel durchaus Zeit nehmen um ihn zu genießen, wenn es dem Interesse des Lesers entspricht.

      Cari Saluti, Giovanni

  2. Ich stelle fest, dass ich von der Zubereitung eines Moccas nichts wusste, danke für den informativen – und belebenden (wie Coffein) – Beitrag! Das Café Florian ist wirklich ein Muss bei einem Venedigbesuch, einfach einzigartig! Saluti dal mondo rosso

    • Ciao Cara Mondo Rosso! 😀
      Mit dieser Form des Mocca habe ich mich auch viel später erst auseinandergesetzt.
      Er wird noch heute am Land im türkischen Raum so getrunken und ich war auch verwundert, daß er so „aufwendig“ zubereitet wird.
      Man stelle sich die Konsistenz des Kaffees vor, der mit 4 verschiedenen Kannen 4 Stunden vor sich hinköchelt. Davon darf man dann wirklich nur ein Schlückchen trinken und man hat den doppelten Koffeingehalt eines ital. Espresso.
      Aber diese stundenlange Beschäftigung mit den edlen Bohnen, die schon mit dem Röstvorgang beginnt, zeigt, daß Kaffee etwas ganz Besonderes ist, etwas, das in der westlichen Welt vollkommen verloren gegangen ist

      Cari Saluti, Giovanni 😀

  3. Wow! Was für ein interessanter Artikel.

    Ich werde wohl aber trotzdem nicht bekehrt werden. Gerade hier in Italien hat Kaffee für mich vor allem etwas mit „Eile“ zu tun. Da lobe ich mir eine Tasse schwarzen Tees in aller Gemütlichkeit zubereitet und ohne Hast getrunken. … gern mit einigen Mittrinkern, an denen es mir hier leider mangelt.

    • Jeder soll das trinken, was ihm am Meisten zusagt.

      Ich möchte ehrlichgesagt auf einen guten und auch schön zelebrierten Espresso nicht gerne verzichten.

      Cari Saluti, Giovanni 😀

  4. Ich liebe Kaffee in allen Variationen…
    Irgendwie ist bei mir etwas falsch gepolt, ich bin süchtig nach dem Zeug -lach-

    Lieben Gruß aus Österreich, Michaela

    • Ohhh – ich kann Dich guuuut verstehen!

      Ohne meine Espressi möchte ich auch nicht sein.
      In der Früh ist er die Pflichtübung, geht über in eine notwendige Vormittagspause mit dem notwenigen Gedankenaustausch, damit er nach dem Mittagessen wieder seiner Aufgabe als anregende Substanz nachkommen kann.

      Kaffee paßt immer und zu jeder Gelegenheit. 🙂

      Cari Saluti, Giovanni

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