Giulio Andreotti ist gestorben!


Eine philosophische Betrachtung einer politischen Legende

 

Ein Fixpunkt in der italienischen Politik ist in dieser Woche im hohen Alter von 94 Jahren gestorben:

Der Senator des italienischen Staates auf Lebenszeit: Giulio Andreotti

Ein Symbol politischer Stabilität in Italien, manchmal umstritten, hielt er dennoch alle Fäden in der Hand.

Wer die Medien in dieser Woche verfolgt hat, wird feststellen, daß Giulio Andreotti zwar oftmals in der Geschichte umstritten war und er auch diverse Rechtskämpfe austragen mußte, dennoch hatte er den italienischen Staat als Gesamtheit gut, ich möchte sogar sagen sehr gut, im Griff.

Und genauso wurde über ihn berichtet: Kritisch, aber gerecht.

Die Zeit schreibt neutral, der ORF kritisch, die Welt spricht sogar von einem „frommen Mensch“.

Wer ein so großes Land mit mehr als 60 Mio Einwohner, somit das viertgrößte Land in der EU mit einer beachtlichen wirtschaftlichen Bedeutung, über mehrere Jahrzehnte (!) erfolgreich seinen Stempel aufdrücken kann, verdient auf jeden Fall tiefen Respekt.

Es gibt in dem schwierigen Aufgabengebiet „Politik“ Menschen, die nie an Bedeutung gewinnen

und es gibt Charakterköpfe, ohne die die Vorstellungskraft stark getrübt wird.

Giulio Andreotti war für mich der Anfang in der politischen Bildung und begleitete mich über mehrere Jahrzehnte.

Er wirkte mit in der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs Italiens und positionierte dieses Land in den vordersten Reihen der Antriebskräfte in Europa.

Es gibt immer wieder diverse Stammtischgespräche, was man nicht Alles anders machen würde und wie toll und einfach man diesen schwierigen Staat regieren könnte und wollte, dennoch habe ich genau DIESE Persönchen (weil Persönlichkeiten sehen anders aus) noch nie in einer Führungsposition gesehen, geschweige in einer staatsbestimmenden Funktion-man müßte noch dazusagen: Gott sei Dank!

Niemand von diesen Obergescheiten hat eine Vorstellung davon, wie schwer es ist eine Gruppe von Menschen zusammenzuführen und in eine Richtung zu bringen.

Genau diese Halbintelligenten (von Bildung kann man meist erst gar nicht reden) scheitern oft schon in einer Gruppe von 10 Personen einen organisierten Lokalwechsel zu vollziehen.

Dabei sind die Schwierigkeiten in Italien um ein Vielfaches höher, wenn man als Insider weiß, daß zu viele Verschiedenheiten der italienischen Seele ein Zusammenleben eigentlich unmöglich machen und dennoch existiert dieser Staat genauso lange und erfolgreich, wie andere Machteinheiten, die nach den Weltkriegen entstanden.

Die Diskrepanz (lat: DIS -crepare: auseinander-brechen) der italienischen Einheit ergibt sich schon aus der Verschiedenheit der Sprache und den daraus resultierenden stark unterschiedlichen Dialekten.

Wenn man davon ausgeht, daß ein Dialekt, und derer gibt es viele in Italien,  eine Form der Abgrenzung von anderen Gruppen darstellt, so erkennt man, daß es wohl viele verschiedene Gruppen in Italien gibt, die natürlich schon aus der Geschichte des Landes entstanden sind.

Es gehört also ein besonderes Fingerspitzengefühl dazu, eine Gruppe um sich zu schaffen, die mit den verschiedensten Problemen umgehen kann, die sich nicht einmal nur aus der reinen Politik ergeben.

Probleme, die sich ergeben, weil einfach so viele unterschiedliche Betrachtungsweisen über ein Thema in Italien existieren.

Giulio Andreotti war ein Mann, der es 7mal als Ministerpräsident bewiesen hat, daß man eine Gruppe um sich bilden kann, die international vermitteln kann. Seine Erfahrungen als Aussenminister haben ihm sicherlich dabei geholfen.

Es sollte jetzt auch einleuchtend sein, daß man manchesmal Gruppierungen, die einen wesentlichen Einfluß haben, nicht ausgrenzen kann.

Die Politik ist ein schwieriges Geschäft, ein Geschäft, das ständig Kompromisse erfordert, auch Kompromisse zwischen Gut und Böse, entscheidend ist: Welche Vorteile kommen für das Land heraus und welchen Zugewinn an Einflußkraft habe ich international.

Lange Zeit dachte man im Gespräch über italienische Politik zuerst an Giulio Andreotti, war er es doch, der seit 1945, somit seit Beginn der Demokratie in Italien, die Regierungen mitlenkte.

Und 1992 war es dann soweit, daß er eigentlich Staatspräsident werden sollte und genau dieses Jahr sollte es sein, in dem die Rechnung der Vergangenheit presentiert wurde.

Die Ermordung von Giovanni Falcone, der sich mit dem organisierten Verbrechen extra beschäftigte, sollte auch das Aus für die Kanditatur für Andreotti sein.

Es wurde ihm vorgeworfen, daß er nicht mit dem nötigen Nachdruck diese Krake entfernte und die Sympathien waren plötzlich ausgelöscht, es kam gar nicht zur Kanditatur Andreottis zum Staatspräsidenten.

Stattdessen ernannte Francesco Cossiga Giulio Andreotti zum Senator auf Lebenszeit auf Grund seiner Verdienste um die Republik.

Diese Funktion bleibt auf Lebenszeit bestehen, ein Rücktritt ist unüblich und nur in Ausnahmefällen erlaubt, wenn z.B. ein Senator zum Staatspräsidenten wird, so geschehen bei Giorgio Napolitano, der in der Gunst des Volkes wohl an Andreottis Stelle treten wird.

Sei es wie es sei: Giulio Andreotti ein tiefgläubiger Mensch, der den Gang in die Kirche als fixen Bestandteil des Tagesplans ansah, ist tot.

Jeder kann denken über ihn wie er will, Vieles war richtig, Vieles war falsch, Manches sicher verwerflich, aber unter dem Strich hat er Großartiges geleistet, das es ersteinmal zu erreichen gilt.

Ruhe in Frieden!

Giulia Bongiorno betroffen über den Tod von Giulio Andreotti: Era unico

 

Tg La 7 Giulio Andreotti è morto

 

Buon Fine Settimana,  Giovanni

 

 

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